Halina Birenbaum *

  

Vom Ende an

 

Gedichte

 

 

 

* Halina Birenbaum

 

 

 

 

Halina Birenbaum Schriftstellerin, Dicherin und Übersetzerin – 1929 in Warschau geboren, überlebte die Schrecken des Holocaust und war am Ende des zweiten Weltkrieges gerade 15 Jahre alt

Seit 1947 lebt sie in Israel. Ihr Hauptwerk "Die Hoffnung stirbt zuletzt" erschien in Polen, Israel, Deutschland, den USA, Japan und Frankreich und wurde fast ein Klassiker der Holocaustliteratur. Ihre Gedichtbände publizierte sie polnisch, hebräisch, englisch und deutsch. 

 

1)

Vom Ende an

2)

Wie Blumen im Wind…

3)

Aus jeder Begegnung

4)

Zwischen den Zeilen eines Gedichts

5)

Nicht der Blumen wegen

6)

Das Mädschen von Shoah

7)

Gedenken

8)

Totes Papier

9)

Ich suche Leben bei den Toten

10)

Ein unerwünschtes Thema

11)

Was bin ich für eine Mutter?

12)

Tante Esther

13)

Müde

14)

Es lohnt sich nicht zu träumen

15)

Lange Häuschen – Auschwitz 1985

16)

Tränen

17)

Es ist keine Sünde

18)

Fahrt nach Treblinka!

19)

Ich war nur ein Korn

20)

Ich bin mit Dir

21)

Vielleicht sollte ich die Zeit nicht nennen ...

22)

Dort ist mein Geist

23)

Gräbertouristin

24)

Die Nummer an meinem Arm

25)

Gefüllte Fisch

26)

Wehe dem, der sich nähern wird

27)

Sie wartete auf mich am Wegrand

28)

Mein Vater

29)

Der Pianist

30)

Aus meinen deutsche Reisen

31)

Wäre ich gestorben

32)

Wessen Sieg?

33)

Die Ratlosigkeit erdrückt

34)

Solange ich sein werde

35)

Ich weiß nicht den Weg

36)

Zwischen Meinen - fremd

37)

   Wie gut wenn...

38)

   Bäume Schweigen

39)

   Was ist für mich Frieden?

40)

   Wenn es möglich wäre...
       

 

 

Halina Birenbaum

 

Vom Ende an

Aus dem Polnischen mit Nea Weisberg-Bob

 

Mein Leben hatte am Ende seinen Anfang …

Zuerst lernte ich den Tod, die Grausamkeit kennen

Und erst danach die Geburt

In Ruinen aufgewachsen, unter der Herrschaft des Hasses

sah ich erst später, wie man ein Heim erbaut

 

Das war die gewohnte Atmosphäre meiner Kindheit

Später erst sah ich auch Licht

entdeckte das Blühen

 

Nur die Liebe kannte ich immer

Auch wenn es noch schlimmer als schrecklich war

selbst in der Hölle begegnete sie mir.

 

Mein Leben begann am Ende

und kehrte zum Anfang zurück

Ich bin wieder auferstanden

Nichts war umsonst

Denn die Hoffnung stirbt zuletzt.

In mir ist die Kraft nicht aufzugeben

Ich bin ein Beweis

 

1983

 

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Halina Birenbaum

 

Wie Blumen im Wind…

Aus dem Polnischen mit Nea Weisberg-Bob

 

Nach und nach

habe ich sie zerstreut,

die sonderbare Mischung

aus Tränen, fernem Lächeln,

Schmerz und Sehnsucht.

Bilder, die nur noch in meinem

Gedächtnis vorhanden sind –

wie Blumen im Wind

zerstreut

vom Wind in alle Richtungen

verweht.

 

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Halina Birenbaum

 

Aus jeder Begegnung

Deutsch: Kurt Langer

 

Aus jeder Begegnung

bleibt ein Wort

ein Lächeln

eine Träne

wie eine Blume,

die aus kargem Boden erwächst

durch gefrorenen Grund

sich durchsetzt

ein Erlebnis

aus jeder Begegnung

 

2000

 

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Halina Birenbaum

 

Zwischen den Zeilen eines Gedichts

Aus dem Polnischen mit Nea Weisberg-Bob

 

Zwischen den Zeilen eines Gedichts

ist Leere,

Geburt, wachsendes Leben

 

Zwischen den Zeilen eines Gedichts

bedroht mich nichts

keine Angst, keine Unterdrückung,

keine Benommenheit, kein Welken

 

Zwischen den Zeilen eines Gedichts

ist so viel Raum.

 

Dez. 1987

 

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Halina Birenbaum

 

Nicht der Blumen wegen

Aus dem Polnischen mit Nea Weisberg-Bob

 

Ich –

nicht der Blumen wegen

Nicht der Teiche, Vögel, Steine wegen,

Nicht aus Eifersucht

Nicht um des Todes willen

Nicht aus Hass

Auch nicht aus Liebe –

 

Spät habe ich begonnen,

deswegen nur:

Augenblicke,

Krumen

Gedankenfetzen

Nachsinnen

der Eindrücke

der Erinnerung halber

einem freundlichen Lächeln

verschiedener Tränen wegen

In der Freiheit

 

1985

 

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Zosia - Picture by Sophia Kalski née Körbholz; in the background, the poem by Halina Birenbaum: "The Little Girl from the Shoah"

 

Halina Birenbaum

 

Das Mädschen von Shoah

Übersetzung aus dem Polnischen  mit Ruth Schubert

 

Ich sehe mich immer

als jenes kleine Mädchen

ich spüre sie in mir unaufhörlich

auch an der  Schwelle des Alters

ich erinnere mich nur an sie

ich identifiziere mich mit ihr

alles andere rückt fern von mir

in die Vergessenheit

übergroß in mir ist das ewige Mädchen

aus den Holocaustjahren

sie will nicht versinken in den Schatten

der Jahre und Ereignisse

sie läuft mir nach in der Spur meines Weges

sie erlaubt mir nicht erwachsen zu werden

immer steht sie wieder auf aus der Vergangenheit

und flüstert mir zu – sie führt mich

ich kann mit nicht befreien von ihr

schreibe wegen ihr – durch sie

es gibt kein Ende ihrer Erzählungen – es gibt kein Ende

sie wird nie verschwinden

nie sterben

das kleine übergroße Mädchen

die Greisin aus den Holocaustjahren

 

1985

 

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Halina Birenbaum

 

Gedenken

Übersetzung aus dem Polnischen mit Nea Weissberg-Bob

 

Gedenken – ist Leben

meiner umgebrachten Verwandten

Damals

ist Ewigkeit

ihr Leiden – Tod

sind mein Prisma

durch das ich sehe und alles bremse

das ist nicht nur gestern

das ist morgen und heute

Schmerz, Hass dem Übel

und echte Liebe

 

1991

 

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Halina Birenbaum

 

Totes Papier

Aus dem Polnischen mit Nea Weisberg-Bob

 

Totes Papier

schweigende Buchstaben gesät

aus lebendigen Worten

in denen

ich bin

nicht existent

nicht sichtbar

anders

und nur wie ein Gedanke sein kann

mächtig, ewig

 

1984

 

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Halina Birenbaum

 

Ich suche Leben bei den Toten

Aus dem Polnischen mit Nea Weisberg-Bob

 

Ich versinke in einer Welt, die nicht mehr existiert
Immer noch frage ich nach einer Antwort
Ich suche Leben bei den Toten
Nachts überfällt mich Traum und Wirklichkeit
Ich unterscheide nicht
ob ich dort bin – oder hier?
Alles vermischt sich:
Splitter von Gedanken, Bildern, Wirklichkeit und Traum
Gestern und heute
Gestern und heute ist eins für mich.

 

1983
 

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Halina Birenbaum

 

Ein unerwünschtes Thema
Aus dem Polnischen mit Nea Weisberg-Bob

 

Ich beginne zu erzählen
Es fällt eine Frage
Schwer wie ein Stein
In hebräisch, polnisch oder deutsch
Wird das Thema wieder "Nazis" sein?

Ich winde mich, stottere
verteidige mich
wie vor Gericht
Es ist für das Leben

um ewiger Erlebnisse willen
wegen all dessen, was den Menschen nahe ist
Liebe, Tränen, Hass
Hier und nicht weniger dort
In den Tagen der Shoah

Was ist zu tun?
Ein unerwünschtes Thema
Unbeliebt
beschämt den Erzähler
beschuldigt den der gedenkt
zeichnet ihn
haftet an ihm wie ein Fluch
aus den Tagen der Shoah
Und doch lauscht der Mensch gebannt

 

1986

 

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Halina Birenbaum

Was bin ich für eine Mutter?
Aus dem Polnischen mit Nea Weisberg-Bob

 

Was bin ich für eine Mutter?

Immer ernst,
weine scheinbar grundlos,
fürchte mich ohne Anlass
und immer beschwöre ich die Schrecken der Shoah herauf.
Was für eine Mutter!


1984
 

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Halina Birenbaum

 

Tante Esther
Aus dem Polnischen mit Nea Weisberg-Bob

 

Tante Esther erschien plötzlich in der Tür
Strahlend
Einen Moment beobachtete sie mich stillschweigend
dann breitete sie die Arme aus
drückte mich fest an sich
Als ob die verlorene Familie zu mir zurückkehrte
alles von ihnen war in ihr
sanfte Einfühlsamkeit, Wärme und Kraft
Gesichtszüge, Gestalt,
Jiddisch vom Schtejtl, lebend saftig und flüssig
Ich erblickte mich im Spiegel meines Ursprungs
Tante Esther habe ich nie zuvor gesehen
Schon vor meiner Geburt fuhr sie über das Meer
in die Fremde
Mutter erzählte mir von ihr, zeigte Bilder
und saß neben mir im Bett
bis ich einschlief
Jahre später traf ich diese Tante zufällig
Nach der Shoah
Sie wusste nicht, dass ich überlebt hatte
Sie erkannte mich nicht
In Sehnsucht umschlungen
waren wir uns nahe,
als wären wir immer eins gewesen
Wir entsprangen einer Seele,
einer Familie, einem Schtejtl, Jiddischkeit, Traditionen,
vernichtet bis auf den Grund

damals


1983
 

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Halina Birenbaum

 

Müde
Aus dem Polnischen mit Nea Weisberg-Bob

 

Ich bin müde, müde
traurig, einfach so
nichts ist geschehen
es gibt keinen Grund – heute
es fehlt mir an nichts
Doch!
Ich weine


1983
 

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Halina Birenbaum

 

Es lohnt sich nicht zu träumen
Aus dem Polnischen mit Nea Weisberg-Bob


Manchmal geschieht es, dass ein Traum lastet,
er legt sich aufs Herz wie eine Wolke, oder
wie ein schwerer Stein
steigt aus weit entfernten Erinnerungen auf
wie ein schrecklicher Alptraum

Diese Nacht stand ich an der Schwelle des Krematoriums
Man hat mich selektiert – nach links
ich habe gefleht, ein Versteck gesucht
Der Platz war abgeschnitten und taub; streng bewacht
ohne Ausgang, ohne Ausgang!
- Es lohnt sich nicht zu träumen
<


1982
 

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Halina Birenbaum

 

Lange Häuschen – Auschwitz 1985
Aus dem Polnischen mit Nea Weisberg-Bob

 

Häuschen, lange, leere

schneeweiß umhüllt
wie aus phantastischen Legenden
von fremder Hand gezeichnet
Stille ringsherum, es gibt keine Lebenden
Es gibt keine Toten – alles ist rein
wie in einem weißen, naiven Traum ...
Nur die Wachtürme am Platz rufen Erinnerungen wach
und der alles umzäumende Stacheldraht
- auch dies alles mit weißem Schnee bedeeckt ...
Bilder, Bilder von "schöngeistigen" Fotografen.

Meine Augen schauen
Meine Augen sehen, was auf den Fotos fehlt
Andere Welten tauchen vor meinen Augen auf
Welten, in denen man Leben auslöschte.
Ich gehöre zur Legende eines jeden dieser langen Häuschen
Der Schnee verwandelt sich in Feuer für mich
Er wird rot, schwarz, modrig ...
ein schreckliches Weinen überflutet alles .... mich
Tränen bedecken alle Bilder

wie feindlicher Regen – wild und schrecklich!


(Geschrieben nach einer Fernsehsendung über Auschwitz am 26.2.1985; die "langen Häuschen" sind die Häftlingsbaracken des Lagers)
 

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Halina Birenbaum

 

Tränen

Aus dem Polnischen mit Nea Weisberg-Bob

 

Man nennt sie bitter, beißend, erstickend
Sie brennen die Augen aus, ritzen Falten ein
Man hat Angst vor ihnen – schämt sich für sie

Man hält sie für ein Symbol der Schwäche, weiblich
Ein Ausdruck von Unglück, Trauer, Krankheit ...
Man flieht vor ihrem Angesicht
Man versteckt sich mit ihnen

Das Schlimmste für mich aber ist, wenn ich sie nicht habe
Das Schlimmste ist, wenn in mir die Quelle versiegt
Denn das heißt, ich fühle nichts mehr
Mich bewegt nichts mehr
ich kann mich nicht sorgen und nicht freuen
ich kämpfe um nichts, ich gewinne nichts
ich erstrebe nichts und erlebe nichts
Das bedeutet, dass mich nichts angeht und ich niemanden
angehe
Wie ein Stein – ein lebendiger Toter.

Tränen sind unersetzlich für mich
Ich muss ihre beißende Flamme unter dem Augenlid spüren
Ich muss ihre nasse, warme Spur auf den Wangen fühlen
Den Würgegriff, das Schütteln im Körper und rasendes
Herzklopfen,
das ihr Rinnen hervorruft.

Ich muss den Trost ihrer Herzlichkeit empfinden
Und den brennenden Schmerz ihrer Bitterkeit
Aus Zorn oder Protest
Ich muss sie in den Augen eines anderen Menschen sehen
Wie eine Spiegelung
Echo aus der Berührung, welches in dem anderen mir zuliebe
geboren wird.
Tränen sind unersetzlich für mich
Ein Schatz, eine Reinigung vom Staub
Aus den Wirren des Alltags, der Müdigkeit, der Erniedrigung
Das ist die Auferstehung, die Geburt
Tränen sind Öffnung
Wahrheit, Leiden und Glück
Tränen sind die Seele –
manchmal verwundet, schmerzhaft, verbittert
manchmal fröhlich, strahlend –
aber nie versteinert.

Tränen sind unersetzlich für mich
Damit ich vollends spüre, lebe, ich besitze ein Herz
Und ich bin wirklich ein Mensch.


1967

 

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Halina Birenbaum

 

Es ist keine Sünde
Aus dem Polnischen mit Nea Weisberg-Bob

 

Es sollte nicht anders sein

Ich versuchte mich einzufügen
Die mir innewohnende Melodie zu vertreiben
Es gelang, sich zu betäuben.

Doch heute weiß ich, es war zu Unrecht
Man betrügt die Seele nicht!
Es ist keine Sünde
traurig zu sein oder anders:
Eine Überlebende der Shoah.


1982
 

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Halina Birenbaum

 

Fahrt nach Treblinka!

Aus dem Polnischen mit Nea Weisberg-Bob

 

Fahrt nach Treblinka!

Öffnet die Augen weit

Haltet den Atem an

Lauscht den Stimmen,

die aus jedem Samen der Erde keimen-

 

Fahrt nach Treblinka!

Sie warten auf euch

Nach der Stimme eures Lebens dürstend

den Zeichen eurer Existenz

den Schritt eurer Füße

einem menschlichen Blick, verstehend, gedenkend

ein Hauch von Liebe auf ihrem Staub –

 

Fahrt nach Treblinka!

Aus eigenem, freien Willen

Fahrt nach Treblinka!

voll der Macht des Schmerzes

über die verbrochenen Grausamkeiten

aus tiefem Mitgefühl

mit einem weinenden Herz, das nicht zustimmt

Lauscht den Stimmen mit all euren Sinnen –

 

Fahrt nach Treblinka!

Die grüne, goldene oder weiße Stille erzählt euch dort

unzählige Geschichten

vom Leben – verboten, unmöglich gemacht, genommen –

 

Fahrt nach Treblinka!

Schaut, wie die Zeit dort stillsteht

Lauscht der stehengebliebenen Zeit,

dem donnernden Schweigen der Toten,

den Steinen, Abbilder menschlicher Silhouetten,

welche in der Leere weinen

Fahrt nach Treblinka, um einen Augenblick lang zu fühlen –

 

Fahrt nach Treblinka!

Pflanzt eine Blume in eine heiße Träne

eines menschlichen Seufzens,

bei einem Gedenkstein für dieses vernichtete Volk,

auf die Erde aus ihrer Asche, ihrem Staub –

 

Sie warten auch euch in Treblinka

Kommt, ihren Geschichten,

welche die Todesstille füllen, zu lauschen

Werdet durch euer Schweigen eins mit ihnen,

um Kunde von eurem Leben zu bringen,

ihrem damals verbotenen;

Gebt ihnen Liebe, die Leben erweckt –

 

Fahrt nach Treblinka!

in allen Generationen –

Lasst sie nicht allein!

 

1986

 

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Halina Birenbaum

 

Ich war nur ein Korn

Deutsch: Nina Hasse

 

Ich war nur ein Korn

ein Staubpartikelchen

während der Selektion keinen Blick wert

rechts oder links

 

in ihren Augen wertlos

nicht einmal brauchbar zum Verbrennen

 

eher klein – schlicht

weder gut noch schlecht

weder ein Kind noch ein Mädchen noch

eine Frau

ich schlüpfte durch die Reihen

ohne die geringste Aufmerksamkeit zu

erregen

 

ich war nichts wert

weder Ärger noch Bestrafung

so klein, so unbedeutend

ich war nur ein Korn

 

auf diese Weise habe ich überlebt

aber ich war ein Tonband

und heute erzähle ich über micht selbst

wie aus einem offenen Buch

glücklicherweise unterschätzten sie

die Kraft des Korns

das mit einem Gedächtnis ausgestattet ist

 

1983

 

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Halina Birenbaum

 

Ich bin mit Dir

Deutsch: Stephan Drees

 

Ich bin immer mit Dir, Mama

und Du bist immer mit mir

Deine Gestalt ist in mir eingeprägt

auf Dauer

trotz jener schrecklichen Trennung

vor dem schlimmen Bad in Majdanek

Du erscheinst vor mir unerwartet

weckst stille Tränen, Erhabenheit

ein wunderbares Gefühl von

Zugehörigkeit

wie vor Zeiten

als ich noch ein Kind war, zuhause

vor der Shoah

 

1991

 

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Halina Birenbaum

 

Vielleicht sollte ich die Zeit nicht nennen ...

Aus dem Englischen Christoph Hestermann

 

Vor über fünfzig Jahren

vielleicht ist es besser

die Zeit nicht zu nennen

in meinem Fall

hat die Zeit keine Bedeutung

immer

lande ich am Ende

bei meiner Mutter

in meiner Kindheit in Warschau

im Ghetto

 

Vielleicht ist es besser

Nicht mehr zu schreiben

vom vergangenen Krieg –

was ist mit den heutigen, neuen ...

 

1983

 

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Halina Birenbaum

 

Dort ist mein Geist

Aus dem Polnischen von Britta Wutke

 

Dort inmitten der Gespenster

zwischen den Baracken

Krematoriumsruinen

der Stille voller Geräusche

hörbar nur für mich

Gesichtern, Gestalten

die nur ich sehe

im gegenwärtigen Grün

oder im Weiß des Schnees

vergebliches Stöhnen und Beten

verklungen, aber haftend für immer

in den Wolken, in der Luft

am Himmel über Auschwitz

am Boden, in der Erde

in jedem kleinsten Stein

Sandkorn, rieselndem Staub

dort zwischen der Mischung

aus Asche und Knochenmehl

Seelenschwärmen im Weltraum

umherirrend in Ewigkeit

dort ist auch mein Geist

wo ich auch lebe

wann, wie oder wo ich sterbe

irgendwo wird mein Körper begraben

werden

gekennzeichnet mit der Nummer 48693

hier eintätowiert

 

1994

 

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Halina Birenbaum

 

Gräbertouristin

Aus dem Polnischen von Fela Shop

 

Was sage ich von Lublin und Krakau

Über das alte Wieliczka

oder über die Theater in Warschau

Wenn das Herz in dem von Felsen gepflastertem

Treblinka blutet

In dem in schrecklicher Stille verzaubertem Majdanek

Der zum Himmel schreienden Baracken

In Auschwitz, dessen Namen mir meine Seele

im Leib gefrieren lässt

Welchen Sinn hat es von den guten Eindrücken zu sprechen,

wenn auf mir diese verdammte Masse lastet?

Ich bin doch eine Touristin der Gräber

sogar der nicht existierenden

Ich bin eine Touristin der Orte und Seelen

die von der Erdoberfläche ausradiert sind

 

1986

 

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Halina Birenbaum

 

Die Nummer an meinem Arm

Aus dem Polnischem von Krzysztof Lipiński

 

Ich wollte etwas schreiben

über die Nummer, die eingegraben ist

in meinen Arm – mein Personalausweis aus Auschwitz

Sie ist in meinem Fleisch

Immer mit mir und so ists schon

seit Jahren. Sie ist nicht verblasst, nicht fahl geworden

keine Ziffer davon verschwand

Stört sie mich? Nein, mich nicht

ich bin schon so an sie gewöhnt

als ob ich sie seit meiner Geburt gehabt hätte ...

Aber machmal, wenn sie auffällt

wenn ich unter Fremden bin

und sie gesehen wird

verscheucht sie

Ich bin nicht gerne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit

Prüfende Blicke zu spüren, neugierige rätselnde,

brandmarkende

in solchen Augenblicken peinlicher Fragen voller Mitleid

(Oder noch schlimmer, interessierter Fragen ...

wie hoch die von den Deutschen bezahlte Entschädigung ist)

Will ich, dass immer Winter herrsche, weil

dann alles bedeckt ist ... von langen Ärmeln.

 

1983

 

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Halina Birenbaum 

 

Gefüllte Fisch

Deutsch: Katharina Toene

 

Ich bereite gefüllten Fisch zu

Süßen farcierten Fisch der polnischen

Juden

nicht einmal wurde ich hier ausgelacht ....

ein herrlicher Geruch verbreitet sich

ringsherum

Gedanken –

neugierige Erwartung –

auf den so gut bekannten Geschmack

gelingt es mir ihn zu erreichen?

 

Plötzlich erscheint ein Bild vor meinen

Augen

Mutter sitzt auf einem niedrigen Schemel

vor einem dicken Brett

sie hackt mit dem Hackmesser den Fisch

klein

sie wirft die Masse von einer Seite auf die

andere

hin und zurück – bis zur Ermüdung

mit Geduld, Wissen

ihre Hände sind geschickt,

sie ist ganz konzentriert bei ihrer Arbeit

sie wagt es nicht, die Fische schnell zu

mahlen

sie sollen nicht schwarz werden ...

 

Ich sehe sie jetzt deutlich

Durch die Nebel der schrecklichen Ferne

sie ist wieder so nah, hier neben mir

ein nachsichtiges Lächeln des Verzeihens

auf ihren Lippen

für die Weise, in der ich mich bemühe, es

ihr gleich zu tun

auf einem einfachen Weg, einem

tadelnswerten Weg

mit Hilfe von einem elektrischen Mixer ...

und die lächelt so

zu mir oder zu sich selbst?

Mit ihrer prachtvollen mütterlichen Milde

mit einer gewissen Verwunderung oder

einem Anflug von Stolz,

dass ich schon groß bin, erwachsen

den Fisch für die Familie zu Feiertagen

zubereite

das Mädchen

von dem man sie weggerissen hat

an der Schwelle des Vernichtungslagers

Majdanek

 

1991

 

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Halina Birenbaum

 

Wehe dem, der sich nähern wird

Ubersetzung mit Ruth Schubert, Juni 2002

 

Die Hand ist nicht imstande   

Papier zu berühren.

Die Feder stösst ab -

Ich bin leer erschrocken

Ich kann nicht vor mir selbst fliehen

Kein Ort wird meinen Zustand verändern

Ich bin eingesperrt in meinen Ängsten

Die Traurigkeit hat sich in mir festgesetzt

und sie saugt. Blich aus wie ein Blutegel

Der Tod, den ich in Majdanek berührt habe

er verfolgt mich jetzt

Ich habe ihn aufgeweckt ohne nachzudenken

Ich habe mich als Naive und Dumme erwiesen -

Ich habe nicht gewusst, ich habe nicht erfasst,

Was ein nicht ausgegrabenes Grab bedeutet

und der Schatten des Todes 

lauernd in der Baracke von Majdanek!

Das Grab hängt im All

r das menschliche Auge nicht zu sehen

aber wehe dem, der sich

nähert

wird seiner Größe und Tiefe bewusst werden!

Wehe dem,,, seine Endlosigkeit erscheinen wird.

- und ich habe  es gewagt

 mich vor ihn hinzustellen nackt und klein

berühre das Spinnennetz des Todes, dringe in seinen scheinbaren

Schlaf ein

Er wird die Unverfrorenheit derer nicht verzeihen,

die sich davon geschlichen haben und die seine

Herrschaft berührt hat

Lang sind seine Krallen

endlos seine Macht,

obwohl er Schimmel angesetzt hat und in der Stille ertrunken ist.

Endlich habe ich  verstanden - ich habe      p;   

es gefühlt nach 40 Jahren.

Wehe dem, der erweckt den Tod.

 

30.8.1986

 

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Halina Birenbaum

 

Sie wartete auf mich am Wegrand

Übersetzt aus dem Hebräischen von Ruth Adler-Goldberg Mai 1989

 

Sie wartete auf mich am Wegrand

Sie wußte daß ich noch einmal zu ihr kommen werde

Sie zu fühlen mit allen meinen Sinnen

Die Mutter meine die Schöne und Junge

 

Sie wartete auf mich am Wege nach Majdanek

Gegenüber der „Desinfektion“ – Gaskammer

 

Ich kam von fernsten Fernen nach 40 Jahren

Und sie stand hier – so wie damals trotz ihres Todes

So wie an jenem Tag des Abschieds

 

Schwarzhaarig, eine Kleine mit fallenden

Locken über ihrer Stirn wie eine Krone

Wangenrot, große Augen von Schlaflosigkeit

Weiße Zähne wie Perlen

Kommen zum Vorschein

Bei ihrem herrlichen Lächeln

 

Das schönste auf der Welt

Das Lächeln einer Mutter

Die sich bemüht ihr Kind zu beruhigen

Gegenüber Gaskammer und Brennofen.

 

Ein breiter Wollmantel bedeckt ihren Körper

Und auch mich wickelt sie hinein

Um in diese Hölle, Eine Minute vor der letzten zu pflanzen

Kraft und menschliche Wärme

Einen Funken von Licht und Hoffnung

Hier an diesem Ort, von dem man nur

Entweichen konnte als Rauch durch den Schornstein ...

 

Nach 40 Jahren kam Ich wieder her

Von einem anderen Land, als erwachsene Frau

Und so wie das kleine Mädchen das ich damals war,

Die sie so liebte und sich so sorgte um ihr Schicksal.

 

Als ich so aufwärts kletterte

Am Kieselsteinweg fühlte ich ihre Gestalt

Ich rannte ihr entgegen

Mit meiner ganzen Seele

Und so wie damals blieb ich stehen

Wütend vor Schmerz und ratlos

Als ich verstand wurde sie von mir weggerissen

Und ich werde sie nie wieder haben für alle Ewigkeit!

 

Majdanek, das Reich des Todes, das jetzt schlummert

Wir kamen hier zusammen

Und nun bin ich hier allein –

Ich umarme ihre Gestalt, fühle ihre Anwesenheit

Und sinke in schrecklichen Schmerz

Daß ich so klein und hilflos stehe gegenüber

Der Gaskammer die zu spät erlosch

 

Ich setzte mich an den Wegrand

Faßte meinen Kopf mit beiden Händen

Und ich weine wahnsinnig mit lautem Gebrüll

Schamlos, ohne Hemmungen

 

Ich lehne mich an den Schatten meiner Mutter

Die hier ermordet wurde

 

Ich klammere mich an ihn mit meinem ganzen Wesen

Fest entschlossen ihn mit nach Hause zu nehmen

Über das weite Meer,

obwohl ich eigentlich ewig hier bleiben möchte

Mit meinen Tränen und meiner Mutter

 

Ich weiß nicht wie ich nach Hause kehrte

während sie dort allein blieb in dieser

                          schrecklichen Totenstille

Ich stand wie erstarrt, und nur mein

Weinen schüttelte stark meinen Körper

 

Ein Pole, ein Fremder, Wächter des Museums ging vorbei

Und von einem Hügel am Wegrand rief er zu mir:

Wen hat man dir hier ermordet

Den Du so beweinst?

Als keine Antwort kam, ging er weiter.

 

Er wandte sich an mich

in der Sprache der Menschen die heute leben

Dagegen war ich mit meiner Mutters Gestalt

Mit ihrem Schatten in der leeren Ewigkeit

Mit ihrem Tod in Majdanek

 

Und vielleicht auch mit den Meinigen

 

Geschrieben nach einem Besuch in Polen, Juni 1986.

 

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Halina Birenbaum

 

Mein Vater

Aus dem Polnischen von Helmut Pientka

 

Vater las herrliche Lieder

Aus alten Büchern vor

Erfüllt von Ergriffenheit und Würde

Übertrug er uns ihre Schönheit

 

Damals verstand ich deren Inhalt nicht

Jedoch Vaters Rührung und Begeisterung

Nahm ich in mir auf

 

Vater erläuterte die Bedeutung der Feiertage

Las Sagen von Chanas Aufopferung

Hanukahs Wunder

Von grenzenloser Glaubenshingebung

 

Ich verstand nicht voll

Fremd klang sogar die Sprache

Seiner innigen Gebete

 

Ich liebte Vaters Rührung

Gesichtsausdruck – den Glanz seiner Augen

Als er las oder betete

Bis heute lebt in mir dieses Bild

 

Als man im September Warschau bombardierte

War Vater den Tränen nahe in seiner Ohnmacht

Unser Haus brannte damals aus

Am großen jüdischen Gerichtstag Jom Kipur

 

Wir liefen auf die brennende Straße hinaus

Vater drückte stark meine Hand

Heftete seine verzweifelten Blicke auf mich

Als ob er um Verzeihung bäte

 

Ich behielt seinen Blick aus JENEN Tagen in Erinnerung

Im Ghetto betete er öfter als bisher

Suchte Rettung in Gott

Weggeworfenem von vielen während der Schrecklichkeiten

 

Das erste Mal sah ich ihn weinend wie ein Kind

Bei der Nachricht vom Großvaters Tod in Biała Podlaska

Vater zählte damals über vierzig Lenze

Und seitdem betete er noch öfter

 

Die Menschen im Ghetto schwollen vor Hunger an

Starben auf Straßen – wir hatten noch Brot

Lernten sogar in Kompletten ¹١

Aus den übrig gebliebenen Büchern nach Bränden ...

 

Einige Theater spielten forthin im Ghetto

Mein älterer Bruder beschaffte Karten

In „Femina“ führte man die „Csardasfürstin“ vor

Vater verzieh nicht – konnte nicht begreifen

 

Dass man Theater besuchen kann, während Leichen

Und Sterbende die Straßen bedecken

Ich verstand nicht, hörte nicht auf sein Wort

Bis heute klingen in meinen Ohren seine Worte und Stimme

 

Vater sagte, man dürfe sich Befehlen nicht widersetzen

Erinnerte an den schrecklichen Strafenamen : Auschwitz ...

In seiner Naivität unterschätzte er die mörderischen Pläne

Der Nazi-Deutschen Okkupanten!

 

Mutter hatte eine gegensätzliche Meinung –

Vater liebte mit Liedern, Gebeten

Verzweiflung angesichts des Grauens

Mutter mit Kampf oder Fügung in das Schicksal

 

Den Gott und Menschen folgsamen Vater töteten sie in Treblinka

Die kämpfende und sich wechselweise dem Schicksal fügende Mutter

Töteten und verbrannten sie auf Majdanek

Waren SIE jemals wirklich da? Hatte ich SIE?

 

Ihr Bild und ihre Qual blickt aus meinen Augen heraus

Durch meine Augen lachen SIE, weinen

Führen mich auf all meinen Wegen

LEBEN solange, bis sich meine Augen für immer schließen

 

24.08.2003

¹)Komplett: Eine Schülergruppe, die zusammen Unterricht hat

 

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Halina Birenbaum

 

Der Pianist

Auss dem Polnischen von Helmud Pientka

                                                                                                                      

Kleines Kino in Herzliya in Israel

Mein Mann und ich

 

Deutsche Bomben auf Warschau

Auf der Leinwand

 

Hitleristen, Tod

Armbinde mit Davidstern

 

Ghetto

Schuppen – Werkstätten – Placówka – Ausweise:

Recht auf Leben für Juden

 

In Verstecken, Kellern, auf Dachböden

Unter der Erde

 

Züge, Viehwaggons

Nach Treblinka

Ins Gas

 

Höllisches Paradies auf der arischen Seite

Wahnsinn der Einsamkeit, Angst

Chopin

 

Illusion, Erinnerung - Vergessen

In der Stille des Träumens die Wunder des Pianisten

Heute im Kino

 

Mein Mann und ich, hier – jetzt

Von hier und von dort

Im Jahr 2002.....

 

Inmitten der Zuschauer

Den Unsrigen Fremden

Jene die nicht dort waren

Und nichts wissen

Von uns

 Die Toten stets lebendigen

Von dort

 

(31.10.2002 – 31.10.1942)

 

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Halina Birenbaum

 

Aus meinen deutsche Reisen

 Aus dem Polnischen mit Kristina Ulas

 

Erstes Gedicht:
Aus den Reisen nach Deutschland habe ich

keine Gedichte

auch die besten Eindrücke

sind ständige Vergleiche mit der Vergangenheit

ständige Erinnerungen

ich strebe sie  in das Bewustsein einzubringen

den "Geschmack"  den"Geruch"

ihre Tränen und Blumen heute – berühren mich

ich will an sie glauben

ich nehme sie mit mir

in mein Land über das Meer

aber Gedichte

aus die deutschen Reisen

habe ich  nicht
 

1997


Zweites Gedicht:
Ich kehre mich um zu dem blauen Himmel
zum Licht
nach Hause
von Regen, grau, Nebel
Erinnerungen
Erzählen
Begegnungen
in Deutschland
und wahrscheinlich
dieses Mal
nach der deutschen Reise
kann ich
ein Gedicht schreiben.

 

30.11.01

 

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Halina Birenbaum

 

Wäre ich gestorben

Aus dem Polnischen mit Ruth Schubert

 

Wäre ich in Treblinka gestorben

bliebe ich mit meinem Vater

wäre ich

in Majdanek gestorben

bliebe ich bei der Asche meiner Mutter

wäre ich

in Auschwitz gestorben

bliebe ich mit meinem Bruder

mit meiner Schwägerin

sollte ich dort sterben

der Tod

wäre für mich

nicht schrecklich

 

1994

 

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Halina Birenbaum

 

Wessen Sieg?

Aus dem Polnischen mit Ruth Schubert

 

Ich schreibe Daten

die Geschichten - von nahen Erwartungen

Hoffnungen Sieg Frieden

 

Die Gegner meiner Hoffnungen

erwarten selbst den Sieg

aus ihren Gründen Bestrebungen

ihrem Willen

 

Jeder mit seinen Erwartungen

Hoffnungen Glauben

wie kann man sie erreichen

 

Wenn das Leben selbst kein Grund ist

- kein Sinn?!

 

2001

 

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Halina Birenbaum

 

Die Ratlosigkeit erdrückt

Aus dem Polnischen mit Ruth Schubert

 

Endloser Terror 

nah und gleichzeitig

fern von mir

für eine Weile ...

 

Ich kenne nicht und sehe nicht

die arabischen Nachbarn

nicht die freundlichen nicht die feindlichen

 

Ich weiß um ihrer Tragödien und der unseren

ich fürchte mich an sie zu denken

an die Bedrohung

meiner Lieben

meiner selbst

 

Ich kann nicht vermeiden

die Graumsamkeit

von uns - von niemanden

und es erdrückt mich die Ratlosigkeit –

 

2001

 

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Halina Birenbaum

 

Solange ich sein werde

Aus dem Polnischen mit Ruth Schubert

 

Jahr um Jahr geht vorbei

soviele Jahre  und eine Weile

Ich gehe mit denen und neben ihnen.

Ich warte immer auf das kommende.

Ich suche immer, verliere, entdecke,

fange an auf´s neue,

errichte, verderbe, wachse und schrumpfe.

Verstehe immer besser,

dass ich so vieles noch nicht verstehe,

nicht kenne, nicht weiss.

Dass ich muss das erst jetzt ergründen,

auslernen, nachjagen, behalten.

Neue Wege finden,

bessere, breitere

nicht verirren

und viel viel Zeit dazu

Jahr um Jahr und Augenblicke – Jahrhunderte

und ich neben denen wir vordem

bis heute dieselbe trotzdem eine andere

solange ich sein werde

 

17.05.83

 

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Halina Birenbaum

 

Ich weiß nicht den Weg

Aus dem Polnischen mit Ruth Schubert

 

Wieder diese verfluchte Ohnmacht

ich dachte ich werde übersetzen ein beliebtes Werk

aber ich flüchte vor der Arbeit

Einsamkeit hält mich zurück

es fehlt eine Aufforderung

es fehlt eine Adresse

ringsumher Leere trotz Lärm

trotz der Fülle

über mir wachsen Mauern

ich weiß keine Wege zu durchdringen

zwischen eigenem fremd

immer

unabänderlich

 

2001

 

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Halina Birenbaum

 

Zwischen Meinen - fremd

Aus dem Polnischen mit Ruth Schubert

 

Ich denke

in Bildern eingeschrieben

in mir

ehemals heute

Gefühle vormals und jetzt

in mir

sie zeichnen sich in berührbare Bilder

in meiner Tiefe

nach einer Zeit

hole ich sie

aus mir

verwandle sie in Worte

erneuere sie

wie in einem Spiegel

 

13.06.00

 

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 Wie gut wenn...

Deutsch:  unbekannte Übersetzerin

 

Wie gut es in einem leisen sauberen Zimmer ist

wenn der Regen an die Fenster klopft

wenn der kalte Wind am Haus rüttelt

und die Äste der Bäume krümmt

 

Wie gut ist es dann

wenn gegenüber dem rotglühenden Ofen

man in die Flammen sieht

auf  sich die Wärme fühlt

und an nichst denkt

 

Frei und sicher zu sein

nur sich selbst zu gehören

die Wärme in sich hienein ziehen zu lassen

die Zeit und Träume

wieviel Gutes ist

in einem Funken am heimischen Feuer

 

1983

 

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Halina Birenbaum

 

Bäume Schweigen

Aus dem Polnischen von Helmut Pientka

 

Bäume sehen und hören vieles

Nehmen in sich auf, verhüllen

Doch sogar dann wenn sie rauschen –

Schweigen sie

 

Sie erzählen nicht davon, wovon

Sie Zeugen waren

 

Sprechen

Weder über herrliche Dinge, die sich

In ihren Schatten ereigneten

Noch über schreckliche –

 

Klettern zum Licht

Wie wir schmachten sie nach der Sonne

In Dunkelheiten scheiden sie hin

Trocknen vor Brutalität aus

 

Und schweigen – immer schweigen

 

Mit einem geheimnisvollen Schatten umhüllen

Verwischen glatt die Spuren

Der Liebe und der Verbrechen –

 

... auch in Auschwitz

Wuchsen, kletterten gen Himmel

Nahmen in sich auf

Sowohl den Schrei als auch das Feuer und den Rauch

 

Und schwiegen hartnäckig –

Und ich

Als man mich unter ihnen führte

Entdeckte ich in ihnen ein Lebenszeichen

Ein Existenzbeweis

Meines verbotenen Ich

 

Ich heftete meine Blicke auf die Bäume

Atmete ihren Duft vermischt

Mit dem Geruch brennender Menschen ein

 

Ich übertrug ihnen mit den Augen meine Sehnsüchte

Meinen Schrei nach Leben

Nach dem Glauben,

Dass es auch für mich wird

Möglich sein?

 

Ich betete um Erhaltung der Spuren

Meiner Existenz auf dieser Welt ...

 

Viele wie ich beichteten hier den Bäumen

Flehten nach Erinnerung

Wünschten, sich in ihre Gipfeln empor zu klimmen

Um wegzufliegen.

 

Ihre Spuren gingen verloren, wurden verwischt,

Verweht

 

Und die Bäume sahen es, hörten es

Und ihrer Gewohnheit nach

Wuchsen, grünten sich – und schwiegen

 

Weinten nicht über die menschliche Qual –

Vielleicht lachten sie sogar dort?

 

Berauschten sich am Geruch brennender Menschen

In Höllischem Zauber verhext?

Und verwandelten sich in etwas anderes

Als sie bisher waren?

 

Sie schweigen ständig –

 

Mir kleiner Person wurde gegönnt zu überleben

Um zu erzählen

Von den Nazi-Deutschen Ungeheuern,

Von Menschen, von Bäumen – Zeugen

Von ihrem unveränderlichen Schweigen

Angesichts jeden Augenblicks

Angesichts jeden Ereignisses

 

Dennoch

Liebte und liebe ich Bäume

Ihrem Schatten vertraue ich an

Meinen Schmerz, meine Sehnsucht, Träume –

 

In ihrem Rauschen vereinige ich mich

Mit meinen Nächsten

Hingerichteten

 

Mit der Welt

Die einst existierte

Und zerstört wurde

Und ich in ihr – Wir

 Diese feierliche Stille der Bäume

Ihr unverbesserliches, geheimnisvolles Schweigen

Bedeutete damals Hoffnung

Und heute Linderung

 

2003

 

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Halina Birenbaum

 

Was ist für mich Frieden?

Deutsch: Imke Just

 

Es ist ein ewiger Traum,

dass unser Alltag nicht zerstört wird.

 

Frieden ist für mich jeder Tag ohne Bomben, ein klarer Himmel ohne

Bomben, ein klarer Himmel ohne

feindliche Aktionen, die den Tod bringen

heute durch Raketen.

 

Frieden ist mein Traum zu leben, ohne die

Angst, mein Heim, unser Leben zu

verlieren, das Leben unserer Lieben,

Kinder, Freunde!

 

Frieden bedeutet den Kopf frei zu haben

Für die kleinen, alltäglichen, normalen

Menschlichen Probleme ....

 

Für mich bedeutet Frieden aber auch die

Bereitschaft zu kämpfen, wenn diese

normale Existenz – das heisst der Frieden

von jemandem bedroht wird.

 

1998

 

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Halina Birenbaum

 

Wenn es möglich wäre...

Aus dem Polnischen mit Ruth Schubert

 

Wenn

es möglich wäre mit Liebe

verbrennen

zu Asche

die früheren Gestalten

das Schlimme

Wenn es möglich wäre

aus dieser Asche

wieder zu leben

neu

besser

Wenn es möglich wäre

mit Tränen

abwaschen das Nichtglauben

die Verzweiflung an das existierende

Kostbare -

 

- ich weine und liebe

dann ist es wahrscheinlich möglich

 

2.03.2000


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Last updated November 30th, 2008

 

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